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Er kam in mein Büro und sah entsetzlich aus, wie jemand, dem das harte Leben wirklich zusetzt. Keine Frage, dass dieses Häufchen Elend vor mir Hilfe brauchte – meine Hilfe, die Hilfe eines Experten. »Und, was steht an, Mister?«, fragte ich ihn. »Ich… ich kann nicht mehr«, stammelte er und schritt ans Fenster. Mit Zeige- und Mittelfinger schob er den Vorhang eine Hand breit zur Seite und blickte auf die Straße. »Sie werden verfolgt?« »Nein… äh … oder besser, ich weiß es nicht so genau«, war seine Antwort. »Es würde mich nicht wundern, wenn es so wäre. Ich habe in der letzten Zeit ziemlich viele Menschen vor den Kopf gestoßen, es könnte sein, dass mich einige davon nun verfolgen. Aber es gibt anderes, das mich verfolgt.« »Erzählen Sie«, forderte ich ihn auf. »Ich muss alles wissen, wenn ich Ihren Fall übernehmen soll.« »Also«, begann er mit seiner Erzählung, wie fast alle guten Erzählungen mit dem Wort »also« beginnen. »Es war vor ein paar Jahren. Ich hatte die Nase voll von all dem Rummel um meine Person, von den Talkshows, den endlosen Diskussionen mit den Joghurtherstellern, die mein Gesicht auf eine Knick-Ecke drucken und mich dafür mit Geld überschütten wollten. Zog ich ein Hemd einer Sportmarke an, war es am übernächsten Tag ausverkauft. Schrieb ich einen Artikel für eine Zeitung, dann verdoppelte sich sofort deren Auflage. Moderierte ich eine Show, stürzte Thomas Gottschalk in den einstelligen Einschaltquotenbereich ab. Es reichte mir. Ich wollte raus aus dem Karussell des Ruhms. Mein Manager fand das unvernünftig, aber ich habe ihm gesagt, dass ich genug davon habe, dauernd Trends vorzugeben und dass ich mal was anderes erleben möchte. Ausspannen, komplett ausspannen. Mein Manager hat mir dann einen Makler vermittelt, aber ich bin, glaube ich, an den falschen geraten. Er hat mich abgezockt. Deswegen komme ich zu Ihnen. Sie gelten als der Beste.« »Ich weiß«, sagte ich. Er goss sich einen dreistöckigen Whiskey ein, den ich ihm nicht angeboten hatte und im Kopf addierte ich die Minuten des Gespräches und den Whiskey zu so etwas wie einer Rechnung. Er fuhr fort. »Also. Ich hatte ihm gesagt, dass ich gerne mal einer Randgruppe angehören würde, dass ich Urlaub bräuchte, dass ich etwas Abwechslung will. Ich wollte etwas machen, das niemand beachtet, wo mich niemand beachtet. Er hat mir dann verschiedene Kataloge von Randgruppen vorgelegt, in denen es noch freie Plätze gab. Eine Zeit lang habe ich es als Vegetarier probiert. Aber mittlerweile sind überall Bio-Supermärkte entstanden, Filme zeigen die ganze hässliche Fratze der Nahrungsmittelproduktion. Es ist schick geworden, Vegetarier zu sein. Man muss sich auf Parties nicht einmal mehr schämen. Es gibt keinen Wurstsalat mehr. Es machte mir irgendwann keinen Spaß mehr. Also habe ich ihn wieder aufgesucht.« Der Whiskey floss gurgelnd in seinen Magen und die Sonne, die durch das Fenster schien, brach sich in dem leeren Glas und warf einen zersplitterten Regenbogen auf die Wand meines Büros. Ich kannte Menschen wie ihn, Ich kannte ihre Probleme – ich hatte lange genug selber unter meiner Popularität und den Verkaufszahlen meiner Bücher gelitten, bevor ich mich selbstständig gemacht hatte und nun in Ruhe dem Job eines Randgruppenmaklers nachging. »Ich bin zurück zu meinem Makler gegangen und habe ihn angeschrien, habe gesagt, dass ich etwas Individuelles suchen würde, etwas, für das sich keine Sau interessiert. Er hat mich dann angemeldet bei einem Handballfanclub vom TuS Lemgo. Das ging auch ganz gut. Ist ein beschissen verschlafenen kleines Nest und ein paar Hundert Leute interessieren sich dafür, was die da in der städtischen Turnhalle so machen. Für Handball hat sich anfangs wirklich niemand interessiert. Aber wahrscheinlich haben sie herausbekommen, dass ich mich dafür interessiere und dann haben sie die WM hier nach Deutschland vergeben. Okay, hatte ich mir anfangs noch gesagt. Muss ja keinem auffallen. Die Mannschaft fliegt raus, das kriegt keiner mit und am Ende bleibt alles beim Alten. Aber haben sie das gesehen, erst in der Dortmunder Westfalenhalle und in der Arena in Köln? Das Halbfinale und dann das Finale und diese Titelfeier? Grässlich. Oh Gott, das war wirklich schrecklich«, stöhnte er auf und ich sah den Schmerz, den er durchlitten haben musste. »Sondersendungen, Direktübertragungen aus dem Klo des Trainers, Familienstories vom linken Kreisläufer. Überall Kamerateams, die sprachlose und betrunkene Fans befragen, wie sie sich nun fühlen und wie sie Heiner Brand danken möchten. Ist das etwa die Aufmerksamkeit, die man einer Randgruppe widmet? Man hatte mir sogar angeboten, die Medaillen zu überreichen, aber ich habe sofort abgewunken und sie haben den Ersatzmann, den Köhler, genommen. Ich fühle mich komplett verarscht«, sagte er. »Nun«, fuhr ich dazwischen, ehe er mir noch weiter aus dem Sumpf seines Lebens erzählen konnte. »Ich muss ihnen leider sagen, dass der Randgruppenmakler, den sie hatten, entweder sein Gewerbe nicht versteht oder nicht über die entsprechende Kontakte verfügt«, machte ich ihm Mut und rechnete im Kopf die Minuten des Gesprächs, den Whiskey und meine Maklercourtage zu so etwas wie einer Rechnung zusammen. »Was würden Sie tun? Was können Sie tun?«, fragte er mich. »Nun, ich glaube zunächst muss ich Sie aus der Schusslinie ziehen«, sagte ich. »Sie müssen sich beim TuS Lemgo sofort abmelden. Da werden ab morgen pickelige Jugendliche Schlange stehen, um sich Trikots zu kaufen und um selbst ein Bällchen ins Tor zu werfen. Es wird Weihnachtsfeiern und Tombolas geben und sobald jemandem klar wird, dass Sie dort Mitglied sind, werden Sie Ehrenpräsident und Stargast und Ihre Frau wird an der Seite von Anna Netrebko Galas zugunsten krebskranker Kinder organisieren müssen. Das ganze altbekannte Elend. Sie brauchen Soforthilfe und müssen da raus. Handball ist von nun an tabu. Ferner ist Biathlon, Bungee-Jumping oder Skispringen absolutes Gift für Sie. Sie vertragen auch kein quilten, kochen oder heimwerken. Das ist ebenfalls gefährlich für Sie, Sie könnten damit erfolgreich werden und am Ende wird Quilten olympisch und Sie werden Mitglied des olympischen Komitees.«
Ich wusste, wie ich mit der Angst meiner Kunden spielen konnte. Ich wusste, welche Kraft in den Ausführungen meiner Imagination lag und auch diesmal täuschte ich mich nicht bezüglich der Wirkung. Er wurde blass, verlor noch im selben Moment sieben Kilo und war kurz davor, sich zu erbrechen bei dem Gedanken an mein Szenario. Ruhm ekelte ihn an, ich sah es und er tat mir Leid. »Was kann ich denn tun?« , fragte er. »Wo soll ich denn hin?« Ich hatte ihn am Boden und er winselte. Ich hatte ihn so weit, dass er mir, ohne mit der Wimper zu zucken, einen Blankoscheck ausstellen würde, wenn ich ihm ein Licht am Ende des Tunnels aufzeigen würde. »Ich brauche ein paar Tage«, log ich ihn an, »dann werde ich Sie schon irgendwo unterbringen, wo Sie nicht auffallen und wo Sie in Ruhe einer Randgruppe angehören können. Aber billig wird das nicht…«, fügte ich hinzu. Leben kehrte zurück in sein Gesicht und der traurige Schleier seiner Augen lichtete sich, als ob ich eine Jalousie am Morgen hochgezogen hätte. »Kleines Senfkorn Hoffnung«, dachte ich. Natürlich hätte ich ihn sofort vermitteln können, ich hatte exzellente Randgruppenkontakte. Ich kannte Briefmarkensammler, Kabarettisten, Literaten und Vereinigungen von Männern mit Schnäuzern; ich hatte Kontakte zu Anglern, Bonanzafahrradfahrern und Dauerwellenträgern. Ich kannte sie alle. Aber das wäre zu einfach gewesen und für ihn auch nicht kostspielig genug. Der Geschmack der Exklusivität braucht die Reife der Zeit. Er gehörte zu der Sorte, die viel dafür springen lassen würde, wenn man ihm eine exklusive Randgruppe und keine von der Stange vermitteln würde. Diskretion und guter Geschmack war ihm wichtiger als ein Stapel bunter Scheine. »Lassen Sie Ihre Telefonnummer hier, ich rufe Sie in den nächsten Tagen an«, sagte ich und er verließ mein Büro, nicht ohne mir die Hand beim Abschied zu zerquetschen. Als er gegangen war, kühlte ich die gedrückte Rechte mit Eis und mein heißes Inneres mit einem hochhausgemäßen Whiskey, den ich ihm auf die Rechnung schreiben würde. Mein Telefon lief an den folgenden Tagen heiß, ich vernetzte den Globus und rund 41 Prozent aller weltweit versendeten Mails an diesen Tagen kamen aus meinem Büro. Am Ende hatte ich Antworten aller alten Randgruppenkunden von mir. Ich hatte Mails von Osama bin Laden, von Udo Jürgens und von George Clooney, dem ich erfolgreich eine unglaublich hässliche Schlampe mit künstlichen dicken Titten vermittelt hatte. Er hatte genug gehabt von den netten und intelligenten Mädchen. Er war mir noch was schuldig und von ihm kam der entscheidende Tipp. Clooney hat Format, keine Frage. Ich wertete den ganzen Abend über die Mails, Vorschläge und Freundlichkeiten aus und schrieb an den folgenden Tagen die Möglichkeiten und das Angebot zu einem Portfolio zusammen. Er kam 15 Minuten nach meinem Anruf und sah aus, als hätte er seit unserem letzten Gespräch nicht geschlafen, sondern die Nächte damit verbracht, beständig um den Block zu laufen, in dem mein Büro war. »Ich habe was für Sie«, sagte ich. »Exklusiv, fast unbekannt und ohne die geringste Chance, sich durchzusetzen.« Er schaute, als hätte ich ihm eine nackte indische Prinzessin auf die Knie gelegt, die kleine Rubine in ihr Schamhaar eingeflochten hatte. »Was, was ist es?« Seine Stimme überschlug sich beinahe. »Kennen Sie Snooker?«, fragte ich ihn. »Snooker? Sie meinen dieses Billardspiel mit den kleineren Kugeln?«, fragte er zurück. »Genau das. Snooker wird mit 52,2 Millimeter großen Kunstharzbällen und einem speziellen Queue auf einem zwölf mal sechs Fuß langen Tisch gespielt. Snooker ist kompliziert, extrem langweilig und interessiert außerhalb des Commonwealth niemanden. In England haben einmal 18 Millionen Menschen ein Endspiel im Fernsehen angeschaut, mehr als beim Fußball je erzielt werden konnte, aber hierzulande liegt Snooker im Koma ohne Chance auf Heilung. In Deutschland gibt es nur 4.000 spielende Personen in einigen wenigen Vereinen«, las ich aus meinem Bericht vor. »Aber ist das nicht zu gefährlich? Ich meine, es wird bei Eurosport und über BBC übertragen und so. Kann das nicht auch hierzulande populär werden?«, fragte er etwas eingeschüchtert, nichtsahnend, dass ich ihm erst die erste Sprosse einer Leiter in den Turm von Rapunzel verkauft hatte. »Nun, Sie sollen ja nicht selbst Snooker spielen, um Gottes willen. Das sollen Sie eben nicht machen. Sie sollen in einen Fanclub eintreten. Das wäre an und für sich schon ziemlich absurd,« antwortete ich und musste lachen bei dem Gedanken, wie man Teil eines Snooker-Fanclubs wird. »Aber jetzt kommt das Beste«, fuhr ich fort und machte eine Pause, um ihm Zeit zu geben, zu atmen. »Also«, sagte ich, so wie alle guten Erklärungen mit einem »also« beginnen. »Sie werden nicht nur Mitglied in einem Fanclub, Sie werden ein Hooligan werden. Sie werden ein Snooker-Hooligan. Es gibt weltweit überhaupt nur vier Snooker-Hooligans«, führte ich meine Gedanken weiter aus. »Snooker ist gesellschaftlich hoch anerkannt, man hält Etikette ein. Es ist ein adeliges Spiel, zu dem Hooligans gar nicht passen wollen. Die vier bekannten Snooker-Hooligans sind allesamt adelig, jeder von ihnen ist in psychiatrischer Behandlung. Das ist die exklusivste und unglaublichste Randgruppe, die man sich vorstellen kann.« »Aber das ist doch gefährlich, ich könnte verletzt werden«, warf er ein und ich sah die Angst, aber auch den Kitzel des Abgrundes in seinen Augen. »Nein, unwahrscheinlich«, beruhigte und enttäuschte ich ihn zugleich. »Die Regeln der Treffen sind einfach und absolut ungefährlich. Man verabredet sich für vor oder nach einem Spiel, schreit sich Namen berühmter Spieler, wie Ronnie O`Sullivan oder Steve Davis zu und fängt an, sich mit kleinen bunten Kunstharzbällen auf abgelegenen Parkplätzen zu bewerfen. Man wird aber nie getroffen, weil man in Deckung hinter seinen Wagen gehen darf. Außerdem steht man extrem weit voneinander entfernt. Ein paar Blechbeulen, mehr ist noch nie passiert. Wenn es aber in der zweiten Runde Hart auf Harz kommt, dann droht man an, mit den Queues aufeinander einzuprügeln. Jedoch wird abgebrochen, wenn der erste Stopp ruft. Meistens wird noch vor dem ersten Schlag Stopp gerufen und dann darf man sich gegenseitig nur noch beschimpfen. Also brüllt man sich, so laut es geht, mit unglaublichen Ausdrücken und wüsten Beschimpfungen wie ‚Poolbillardist’ oder ‚verarmter Herzog’ an. In Erinnerung an die Auseinandersetzung kann man dann noch gemeinsam in der Feinkostabteilung einkaufen gehen und darf als Trophäe die Plastiktüte des Supermarktes aufheben, auf dessen Parkplatz das Duell stattgefunden hat. Danach steigt man in seinen Wagen und fährt davon. Das, mein lieber Freund, hat nun absolut keine Chance, populär zu werden. Weder unter Fans, noch unter den Medien, noch unter Funktionären oder Hooligans. Versuchen Sie diese Art des Duells mal einem Mitglied der Dortmunder Borussenfront schmackhaft zu machen. Es gibt keine körperliche Gewalt, keine Jacken zum Abzocken, keine Masse, um eine Massenschlägerei zu inszenieren. Keine Chance. Sie können endlich in Ruhe Teil einer völlig unsinnigen Randgruppe sein.« Sein Kuss auf meiner Wange war schnell verflogen, die Rippenprellung, die ich durch seine Umarmung erfuhr, ebenso. Wirklich ins Gewicht fiel jedoch der Blankoscheck, den ich von ihm für meine Vermittlung erhielt. Am Abend trank ich Whiskey.
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