Englische Küche

Englische Küche

Nichts auf dieser Welt wird so überschätzt, wie die neue englische Küche. England ist ein Land voller Marmite-Ritter, die mit Kochlöffeln derzeit ganze Heere andersgarender in die Flucht brutzeln. Der König unter den Rettern des Tafelrunds ist zweifelsohne Jamie Oliver, der Jungspunt mit den »crazy« und »funky« Ideen, auf die noch nie jemand irgendwo gekommen ist. Jedenfalls in England nicht. Was bei näherem Hinsehen und Nachdenken nicht weiter verwundert, denn schließlich ist England eine Insel. Zwischen französischer Cuisine und deutscher Kartoffel liegt ein ganzes Meer. Das trennt nicht nur die Geschmäcker, sondern ganze Welten. Aber eben diese Welten schauen momentan auf England. Nicht die ganze Bevölkerung der ganzen Welten, eher die jungen Männer im alten Europa. Schließlich muss jeder männliche Bewohner einer festländischen Großstadt mindestens drei Gerichte kochen können, die unter die Rubrik: So beeindrucke ich eine Frau am ersten, zweiten und dritten Abend fallen. Am vierten ist sie fällig, oder es ist eh vergeudete Energie und man fängt von vorne an und kocht für eine andere.
Nur was? Was liegt da näher, als sich im Fernsehen von den angesagten Köchen dieser Welt neue Rezepte zuflüstern zu lassen? Wem die deutsche Bratenbraterei zu langweilig geworden ist, der kann sich ab dem Frühstücksfernsehen den ganzen Tag Kochshows anschauen. Ab dem Frühstücksfernsehen gibt es übrigens schon jenen magischen Jamie Oliver zu sehen.
»Wow«, dachte ich so ganz nah bei mir selbst. Welch Gelegenheit!
Ausgerüstet mit einem Stift, einem Block und mit fleckenfreier Brille verfolgte ich das Schauspiel eines Frühstücks von und mit Jamie Oliver.
Frühstücke werden schließlich immer wichtiger. Frauen fallen nicht mehr auf ein gutes Abendessen herein und entscheiden erst nach dem Frühstück am folgenden Morgen, ob man eine Telefonnummer wert oder eine Luftnummer für immer ist. Frühstücke mit Jamie Oliver sollten also Wunder bewirken können und ganze Telefonbücher füllen.

Was ich sah und mitschrieb verschlug mir dann auch tatsächlich den sprichwörtlich frischen Atem des frühen Vogels. Jamie Oliver machte einen »funky Frühstücksjoghurt«. Nicht selbst, also doch schon irgendwie, aber halt nicht den Joghurt. Mit einem Löffel löffelte er fertigen Joghurt aus einem Joghurtbecher in ein Glas. »Crazy«! Ich schrieb mit: Mit einem Löffel Joghurt aus einem Joghurtbecher in ein Glas löffeln. Dann sah der Maître mir direkt in die Augen und schlug vor, zu dem sauren Joghurt etwas Süßes beizufügen. Er würde am liebsten Heidelbeermarmelade dafür verwenden. »Total funky Heidelbeermarmelade«, kritzelte ich auf den Block, um auch ja nichts zu verpassen. Jamie, ich darf ihn nach all unseren gemeinsamen Kochshows wohl so nennen, meinte, man könne auch einfach frisches Obst kleinschneiden und über den Joghurt schaufeln. Das fand ich so genial, dass ich sofort die »total funky Heidelbeermarmelade« durchstrich und durch »Schnittobst« ersetzte. Jamie Oliver ist in und neben der Küche ein Gott! Er stellte den bereits fertigen Heidelbeermarmeladenjoghurt weg, nahm einen zweiten mit etwas vorgeschnittenem Schnittobst in die Hand Gottes und ließ Honig über das Obst träufeln. »Das gäbe dem funky Joghurt den totalen Kick«, meinte er dazu. »Abschließend könne man sogar noch ein paar kleine Nüsschen darüber streuen«, gab er zum allerwertesten.

Ich war froh, dass ich alles mitgeschrieben hatte. Das würde es also zu besorgen gelten: Joghurt, Obst, Honig und Nüsschen. Ich konnte mir die Wirkung auf dieses Frühstück schon vor meinem innere Auge vorstellen: meine Eroberung würde sich die Nüsschen in den Nabel legen, den Honig über den ganzen Körper streichen und sich ein kleines Joghurthäubchen auf die Brustwarze löffeln und mit einem Stück Pfirsich garnieren. Natürlich erst, nachdem sie mein ganzes Bad mit ihrer Telefonnummer, ihrer Handynummer, ihrer Telefonnummer auf ihrer Arbeitsstelle und sogar mit der Handynummer ihrer Mutter vollgeschrieben hätte. Doch Irgendetwas sagte mir, dass ich das in meinem Leben schon einmal gegessen hatte, dieses »funky Frühstück« des Starkochs und mir fiel es wieder ein. Sechs Wochen lang hatte ich mich in Griechenland jeden Morgen mit Schnittobst, Joghurt und Nüsschen total überfressen und mir mit dem Honig die Zähne dauerhaft ruiniert. Es war demnach gar kein »brandnew crazy funky Frühstück«, was er da gezaubert hatte. Es war einfallslos und würde vielleicht gar keine Wirkung erzielen. Es war lediglich die griechische Antwort auf einen Marmeladentoast der Insulaner. Für englische Verhältnisse also innovativ, Kulturvölkern aber hinlänglich bekannt. Joghurt scheint in England aber unbekannt zu sein und frisches Obst ist wahrscheinlich totaler Rock’n’Roll. Würden Engländer irgendwo frisches Obst zum Frühstück reichen, dann käme garantiert im letzten Moment jemand vorbei und würde kurz vor dem Servieren noch schnell etwas heißen Ketchup darüber gießen und ein paar weiße Böhnchen drauf schütten. Was der Honig und die Nüsschen dem Griechen, sind dem Engländer nämlich sein heißer Ketchup und die weißen Bohnen.
Um von einer Engländerin die Telefonnummer auf den Spiegel gezaubert zu bekommen, mag das ja reichen, so ein Joghurt mit Früchten, aber hier zu Festlande erntet man nichts damit außer einem Gähnen.

Vom britischen Starkoch komplett enttäuscht ging ich am Abend in die ¼ Küche und bat Ebi, den drei-Mützen-Koch darum, mir ein paar Leckereien für die nächsten Abende vorzukochen. »Ruhig jeweils zwei Portionen und dann schön in die Tupperdöschen packen, die ich mitgebracht habe«, sagte ich und kaufte noch schnell eine Rolle »Knack und Back« und etwas Nutella für ein anständiges und wirkungsvolles »Frühstück danach« im Minimal ein.