Gut für mich

 

Is ja nur gut für mich

Regelmäßig im Leben soll man zum Arzt gehen. Man sollte sich vor-, nach- und ordentlich umsorgen lassen, ein paar Urinproben in kleine Becher pinkeln, etwas Stuhl in eine Butterbrotdose packen und sicherheitshalber mit sich herumschleppen – für den Fall, dass man mal untersucht wird. Also zog es mich neulich mal wieder zu meinem Hausarzt. Wobei Hausarzt vielleicht nicht gerade das richtige Wort ist. Er weiß nicht, wo ich wohne und war auch noch nie bei mir zuhause, weil ich ja nie was hab, um ihn zu rufen. Ich weiß aber in etwa, wo er seine Praxis hat oder hatte und wollte nach vielen Jahren mal reinschauen, um mich davon zu überzeugen dass ich überhaupt noch einen Arzt habe, also, dass es ihm gut geht und er noch nicht berentet oder verstorben ist. Es klingt nämlich ärmlich, wenn man auf die Frage, von welchem Arzt man sich behandeln lässt, sagen muss, dass man gar keinen hat oder kennt. Es ist wesentlich »cooler«, wenn man einen Namen parat hat und sagen kann, dass er nicht nur Internist, sondern auch Spezialist sei. Worin, das ist ziemlich egal. Wichtig ist nur, dass man sich ausschließlich von einem Spezialisten befummeln lässt.

Ich saß also ein paar Stunden in der Lounge, las in den Zeitschriften herum und war entsetzt, dass man dafür nun 10 Euro Eintritt bezahlt hatte – miserable Bedienung! Dann habe ich brav mit dem jungen Fräulein an der Theke gesprochen, ihr gesagt, dass es mir gut gehe und dass ich nur mal so vorbei gekommen sei. Schließlich bin ich ins Behandlungszimmer vorgelassen worden, wo er dann so vor mir saß, mein Hausarzt!
»Müde sehen Sie aus, Herr Doktor«, habe ich gesagt »und mit Verlaub - grau sind Sie geworden. Aber das ist ja nicht so schlimm. An uns allen nagt der Zahn der Zeit wie eine gierige Zunge an einem Schokoladenstück.« Er schaute über den Rand seiner Brille, die ich auch noch nicht an ihm kannte und meinte:
»Eine etwas schwierige Metapher, Herr Fischmord, meinen sie nicht auch?«
Dann ging er mit mir durch, was auf seinem alten vergilbten Karteikärtchen stand und zählte mir all die wenigen Erkrankungen auf, die ich vor Urzeiten einmal gehabt zu haben schien.
»Und, was führt sie heute zu mir?«, fragte er mich, zupfte ein kleines Holzstäbchen hervor und steckte sich sein Stethoskop in die Ohren.«
»Ehrlich gesagt, wollte ich nur nach ihnen schauen«, antwortete ich. »Ich wollte mich vergewissern, dass ich noch einen lebendigen Hausarzt habe. Is’ ja sicherer, in Zeiten wie diesen, wenn man weiß, dass man einen Arzt hat.«

Das schien ihm nicht so ganz geheuer und in einer unglaublichen Geschwindigkeit wurde ich geröntgt, bekam Blut abgenommen, musste meinen Stuhl aus der Butterbrotdose holen, wurde computertomografiert, bekam eine Leberbiopsie, musste mit offenem Mund Husten und und und. Dann setzte ich mich zurück in die Lounge und wartete.Nach einer kleinen Weile wurde ich wieder zu ihm gerufen.
»Nun, ich kann nichts finden«, sagte er.
»Weiß ich«, sagte ich. Ich hab ja auch nichts. Mir geht es ja auch saugut. Wie sollen sie denn mit all den Geräten herausfinden, dass es mir saugut geht? Die sind gebaut worden, um sauteuer herauszufinden, dass es einem sauschlecht geht. Geht es mir aber nicht! Mir geht es gut.«
»Gut gibt es nicht. Es kann ihnen doch nicht grundlos einfach gut gehen. Und dann kommen sie auch noch hier her. Sicher haben sie was - irgendetwas. Ich schau noch mal nach.«
Dann setzte er sich hinter seinen Schreibtisch, kritzelte etwas auf seinen Block und reichte mir verschiedene Zettel rüber.
»Und was ist das?«, fragte ich.
»Das Gelbe ist ihr Krankenschein. Ich ziehe Sie erst einmal für zwei Wochen aus dem Verkehr. Es scheint mir etwas Ernstes zu sein. Das Rosane ist der Zettel für Ihre Krankenkasse und dann haben Sie von mir noch einen Überweisungsschein für einen Neurologen. Der sollte Sie sich auch noch einmal anschauen. Sie leiden nämlich an einem ‚psychovegetativ bedingten inadäquaten Wohlfühlsyndrom’. Das muss man ernst nehmen. Meine Sprechstundenhilfe wird Ihnen noch ein Rezept ausstellen. Gegenüber ist eine Apotheke, da können Sie sich Ihre Medikamente holen.« Ich gab ihm die Hand, versprach mich bei dem Neuroverlogen zu melden und ging in die Apotheke. Dort bekam ich einige Päckchen in die Hand gedrückt und etwas mitleidig sagte der Apotheker zu mir: »Das tut mir sehr Leid für sie, wissen Sie. Eine schwierige Krankheit, die sie da haben. Die Medizin steht erst am Anfang und die medikamentöse Behandlung ist noch nicht so ausgereift wie zum Beispiel bei Zuckerkrankheit. Hoffentlich helfen Ihnen die Tabletten. Sollte es ihnen aber nach einer Woche immer noch gut gehen, dann setzen Sie bitte die Tabletten wieder ab und kommen Sie noch einmal hier her.«

Ich nehme jetzt jeden Morgen zwanzig Tropfen von den über schmeckenden Tropfen zu mir, drei der Tabletten, deren Namen ich mir nicht merken kann, aber es scheint nichts zu nutzen. Es geht mir immer noch gut. Wahrscheinlich bin ich für die Ärzte ein hoffnungsloser Fall und das macht mir irgendwie Angst … Aber vielleicht wird die Forschung ja irgendwann einmal ein geeignetes Präparat finden. Da gebe ich die Hoffnung nicht auf.