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Ein Essay zum Welttag des Herpes
Es gibt diese Momente im Leben, da geht es einem mit Fug und Recht beschissen. Entweder kommt zusammen mit der Telefonrechnung die Kündigung im Briefkasten an, Berti Vogts soll wieder Bundestrainer werden oder der Lehrer deiner Tochter ist für einige Jahre im Container von »Kämpf um deine Frau« verschwunden und nun wird sie niemals lesen und schreiben lernen. Auf solche Tage kann man nicht mit Worten reagieren, da müssen Taten her. Auf solche Ereignisse reagiert man nicht mit Trauer, keiner braucht dafür dekorative Schleifen für stilvolle Betroffenheit. Hier hilft kein Blumengebinde aus weißen Lilien und der befreundete Klavierspieler sollte nicht einfach »Candle in the wind« umschreiben. Auf einen solchen, wirklich miesen Tag muss man sichtbar reagieren. Ich lege mir extra zu diesem Zweck einen Herpes zu. Den bekomme ich nicht, wenn ich versehentlich aus dem Glas meines Nachbarn Bier trinke, nachdem er, ohne sich die Hände zu waschen, vom Klo kommt und durch das kreisförmige Streichen des Bierglasrandes Töne aus dem selbigen hervorzaubert, bevor ich dann daraus trinke. Es mag eklig und unschön sein, aber für einen Herpes reicht das wahrlich nicht. Mein Herpes ist Ausdruck tiefster und ehrlich empfundener, nach außen gekehrter seelischer Not und Bestürzung. Kommt man mit einem Herpes am Mund irgendwo hin, dann sagen alle: »Oh, du hast ja einen Herpes«.
Man kann meine Verzweiflung sofort erkennen, mich ansprechen und gerne ein paar Stunden mit mir über die Probleme der Welt reden. Ich lasse alle Teil haben an meinem Weltvernichtungsschmerz in den langsam trüber werdenden blauen Augen und der bröckelnden Lippe. Richtig böse aber kann ich werden, wenn Mitmenschen meinen, sinnlose Tipps geben zu müssen, wie man einen solchen Herpes wieder los wird. Wieso sollte man ihn loswerden wollen, wenn man ihn sich gerade erst zugelegt hat? Ich habe genug vom Schönheitswahn, ich plädiere für mehr Ehrlichkeit und offen ausgedrückten Ekel! Man kann sich doch nicht nur wegen eines Herpes gleich die halbe Lippe wegoperieren lassen, um sie durch ein ähnlich aussehendes Stückchen Dünndarm zu ersetzen, um dann in der Cosmopolitan abgebildet zu werden. Herpes ist eine Antwort, Herpes ist Ausdruck und keine Frage. Es gibt fragwürdige Menschen, die meinen, mir an solchen Tagen helfen zu müssen. Mein Therapeut meint, er müsse mit mir aufgrund meines Herpes über meine vermeintlichen oral-sexuellen Fantasien mit meiner Mutter reden. Mein Arzt meint, er müsse ein noch nicht zugelassenes Medikament aus Bangladesh an mir ausprobieren, das sich bislang aber leider nur bei Ratten bewährt hat. Sie können mir gestohlen bleiben, die Herren und Damen, die uns nicht das Schwarze unter den Nägeln und keine Kruste an der Lippe gönnen. Mein Herpes selektiert für mich zwischen Freund und Feind und weist mit seismografischer Genauigkeit auf die hin, mit denen ich den Rest meines Lebens Bier trinken werde! Wirkliche Freunde kann man daran erkennen, dass sie nichts tun, keine Tipps geben und schon gar nicht davon erzählen, wie sie neulich mit dem Problem fertig geworden sind. Viele meiner Feinde, die mir Tipps geben, gehen wahrscheinlich ein Jahr lang zweimal die Woche zum Psychologen, reden über ihren Herpes und am Ende ist immer die Mutter schuld oder sie nehmen ungeprüfte Medikamente zu sich. Es wird niemals einen Freund geben, der einem Ringelblumenbalsam schenkt oder mit einem leeren Bierglas zur Herrentoilette wankt, um mit einem gefüllten wieder zurückzukommen und sagt, man sollte das mal trinken, bei seiner Freundin habe das auch geholfen. Nein, Freunde tun so etwas mit Sicherheit nicht. Echte Freunde tragen auch nicht ständig Aciclovir®-Salben jeder erdenklichen Pharmafirma mit sich herum. Sie schauen dich an, legen ihren Arm über um deine Schulter, laden dich zum Bier ein und sagen einfach: »Ist schon schlimm ...«. Solche Freunde braucht man. Keiner braucht Aciclovir®, diese Salbe, die weder gut schmeckt, noch wirklich hilft. Sie hilft natürlich den Aktionären des Konzerns, aber den soll ja eigentlich gar nicht geholfen werden. Das Anwenden von Herpescremes mag ein wichtiger Beitrag zur Arbeitsplatz- und Standortsicherung in unserem, von blühenden Landschaften erdrückten muttererdigen, Vaterland sein Freunde tragen also nicht ständig hodenwarme Tuben mit sich herum. (Hodenwarm sei an dieser Stelle wegen der vorderen Tasche in der Hose eines Mannes mit engem Jeansanzug betont. Bei Frauen gibt es keinen analogen Begriff dafür, das tut mir zwar Leid, aber da müsst ihr durch.) Ich denke, wenn sich eine Pharmafirma einmal wirklich ernsthaft mit dem Thema Herpes befasst, dann wird sie auf diesen Text stoßen. Wenn jemand wirklich etwas für uns tun möchte, dann wird er eine echte Herpescreme herstellen. Keine, die den hübschen Herpes unterdrückt und für immer vernichten soll, sondern eine, die ihn hegt und pflegt, die ihn lockt und ihm die Lippe schon mal so vorschädigt, dass der kleine Herpesvirus nur noch einmal kurz hüpfen muss - und schon hat er es behaglich und gut. Für eine solche Creme würde ich schon mal ein paar Euro ausgeben, vielleicht würde ich mir sogar Anteile an der Firma sichern und damit meinen Beitrag zum Standortgejammer leisten. Die Creme kann man sich dann auf die Lippe schmieren, wartet ein, zwei Stunden und schon blüht ein Herpes. Anschließend geht man unter Menschen und macht die wesentliche Erfahrung, wer die wirklichen Freunde sind und wer nur so getan hat, als sei er einer. Es reicht, wenn man hereinkommt, wird angeschaut und sagt nur noch kurz: »Arbeit weg« oder »Lehrer meiner Tochter sitzt im Container und kämpft um seine Frau«. Die Antwort eines wirklichen Freundes lautet dann: »Ist schon schlimm - willst du vielleicht ein Bier?«
Es gibt genug Schleifen, genug Betroffenheit und genug Herpesfeinde samt Cremevorräten. Damit sollte Schluss sein! Was uns fehlt, sind gute Freunde und Herpes.
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