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Im Krankenhaus
Dies ist der Ort wo nichts gedeiht, hier herrscht adretter Schrecken. (Ein Mann gibt Auskunft)
Der Anruf kam völlig überraschend. Jedenfalls hatte ich nicht damit gerechnet, weil ich vorher nichts mehr mitbekommen hatte. Marcel rief mich an, als ich in einer Stunde steckte und ein ziemlich hoffnungsloser Fall versuchte die Arm- und Beinbewegungen so zu koordinieren, dass etwas entstand, was man als Rhythmus hätte bezeichnen können. Hätte man die Beats aufgezeichnet, ausgedruckt und einem Kardiologen zur Auswertung übergeben, dann wäre Thorsten an Ort und Stelle abgeholt und mit einem Hubschrauber ins Herzzentrum nach Hannover geflogen worden. So weit kam es aber nicht, ich war derjenige, der ins Krankenhaus musste. Marcel hatte mich auf dem Handy erreicht und völlig überglücklich rumgestammelt.
»Mike, halt dich fest. Das Kind ist da. Ich bin Vater. Judith hat gestern Tobias zur Welt gebracht.« »Wo seid ihr?« »Im Krankenhaus, aber es ist alles in Ordnung. Er ist unglaublich, ein Riesenbaby.« Dann warf er mir noch ein paar Daten an den Kopf, mit denen ich nicht so viel anfangen konnte, jedenfalls reichte mein Wissen nicht aus, um zu unterscheiden ob es ein Riesenbaby ist oder sich um eine Mikrobe handelt. Drei Dinge gingen mir in einer Parallelverarbeitung durch Kopf und Herz. Ich freute mich für die drei, freute mich wirklich darüber, dass alle gesund waren. Ich war stinksauer, weil er mir erst einen Tag später Bescheid sagte, als alles vorbei war und ich bekam sofort eine enorme Angst weil damit klar war, dass eine neue Epoche angebrochen hatte. Die Epoche Judith, Marcel, Tobias. Eigentlich waren es sogar vier Sachen, die mir durch den Kopf gingen. Ich hörte nämlich zum ersten Mal den Namen Tobias und war gleichermaßen erschrocken und verlegen. Wir hatten nie über den Namen gesprochen, ich wusste nicht einmal, ob sie vorher schon wussten, ob es ein Mädchen oder ein Junge werden würde, ich hatte mich nicht einmal mehr über den Verlauf des Vorbereitungskurses erkundigt und ich sagte es dreimal laut zu mir selbst, damit ich merkte, dass es auch so war. »Du bist ein ignorantes, selbstgefälliges Arschloch, Mike, ein ignorantes und selbstgefälliges und selbstgefälliges und ignorantes Arschloch, jawohl, Arschloch.« Dann glaubte ich es und ich trauerte der Möglichkeit nach, mich vorher dafür interessiert zu haben. Jetzt gab es kein Zurück mehr und Politiker fielen mir ein, die immer nach vorne schauen, wenn sie vorher ein Jahr lang nur Fehler gemacht haben und trotzdem nicht abdanken wollen. Ich beschloss in dem Moment ein absolut wunderbarer Onkel für das Kind zu werden und damit war es mir ernst. Sekunden später saß ich auch schon in einem Taxi, hatte keine Blumen, keine Spieluhr und keine Idee und zehn Minuten später ging ich durch die Eingangstür eines Krankenhauses und wusste sofort, warum ich Krankenhäuser nicht mochte. In der Eingangshalle saßen bleiche Gestalten an eine Zigarette geklammert und an einem Tropf angeschlossen und verbreiteten die Aura des Abschieds vom Leben.
Sie hatten graue und fahle Gesichter und Bademäntel an. Eigentlich dürfte man Kinder nicht an einem so trostlosen Ort auf die Welt bringen, sie sollten in einem schönen Salon im Phantasialand das Licht der Welt erblicken, dann sehen sie sofort Menschen, die Zuckerwatte und Würstchen essen, Arm in Arm herumschlendern und strahlen. So sehen sie morbide Gestalten, Falten und sterile Tücher und das kostet später dreißigtausend Mark Analyse. Ich fragte mich durch und stand vor der Wöchnerinnenstation, die nur eine Etage oberhalb der Intensivstation lag. Hoffentlich hören die Kinder nichts von dem, was unter ihnen vor sich geht, dachte ich. Dann dachte ich darüber nach, wer sich eigentlich den unpassenden Ausdruck ‚Wöchnerin’ hat einfallen lassen. Sie liegen da nicht eine Woche, sie kriegen ein Kind nicht eine Woche lang, nichts deutet auf den zeitlichen Bezug hin. Das Ende der sprachlichen Klärung. Dann stand ich plötzlich vor einer Zimmertür, zu der mich eine mäßig aussehende Krankenschwester geschickt hatte, und traute mich gar nicht anzuklopfen, es erschien mir wie ein Hausfriedensbruch, wie ein unbefugtes Betreten eines Geländes oder das Fußballspielen auf dem Rasen vor dem Wohnhaus. Ich war nervös. Ich klopfte an, ich ging rein, schloss die Augen und sagte erst einmal, ohne zu schauen wer in dem Raum war, was ich zu sagen hatte: »Ich bin ein ignorantes und selbstgefälliges Arschloch, Tobias. Tut mir leid.« Ich hörte das Lachen von Marcel und Judith und ein ‚Pssst’ von irgendwem. Bis dahin wusste ich nicht, dass Kinder schon mit zwölf Stunden das Sprachzentrum voll entwickelt haben und man in ihrer Gegenwart keine Schimpfwörter verwenden darf. Vielleicht schlief aber auch nur jemand, den ich nicht aufwecken sollte. Ich machte die Augen auf und erschrak. Es waren drei Betten in dem Zimmer, in jedem Bett lag eine Frau, im mittleren Bett lag Judith, vor jedem Bett stand eine Art Aquarium, in dem in Decken eingehüllt jeweils ein kleines und runzeliges Baby lag. Viel von ihnen konnte man nicht sehen, sie waren eingepackt als ginge es auf eine Polarexpedition, sie hatten Mützen und Handschuhe an, die Decken waren fest um sie herum gewickelt und nur das runzelige Gesicht war zu sehen, die Augen fest geschlossen. Noch mehr erschrak ich, als ich Judith genau anschaute. Sie sah schlechter aus als ich sie je gesehen hatte, sie sah aus als hätte sie Tuberkulose, AIDS oder einen schweren Tumor. Sie hatte Ränder unter den Augen, die Haut war fahl und sie wirkte total erschöpft. Vorsichtig ging ich zu ihrem Bett und wusste nicht, ob ich mich darauf setzen durfte, wusste nicht, ob ich sie umarmen durfte oder ob sie dann zerbrechen würde, wusste nicht, was ich tun sollte. Sie nahm mir die Entscheidung ab; es gibt diese merkwürdige Gewissheit bei jungen Müttern, dass sie von nun an jedem Mann jeden Schritt erklären müssen. »Du darfst mich ruhig umarmen und mir gratulieren«, sagte sie und fing mit meiner Unterweisung schon mal an. Ich beugte mich zu ihr runter und hielt sie vorsichtig fest. »Herzlichen Glückwunsch«, sagte ich und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Danke«, sagte sie, »schön, dass du sofort gekommen bist.« »Ist doch klar, ist doch Ehrensache.« Ich war noch nicht fertig mit ihr, es war alles zu ungewohnt, die Situation, das Zimmer, der süßliche Geruch, die beiden anderen Frauen, die Hitze und die Brutkästen oder was es war und sofort machte ich den nächsten Fehler. »Willst du Tobias nicht begrüßen«, fragte mich Marcel und ich hatte gar keine Zeit ihn zu umarmen und zu gratulieren, ich musste sofort an das Plexiglashäuschen und war noch hilfloser als bei Judith. Darf man anklopfen, an die Plexiglaswand? Was verspricht man sich davon? Versteht ein Kind das? Darf man es berühren, vielleicht mit dem Zeigefinger auf dem kleinen Bauch entlang streicheln oder muss das Kind dann lachen? Wacht es auf? Woran erkenne ich überhaupt, ob es wach ist oder schläft oder nur döst, sich erholt und sich ein paar Tagträumen hingibt? Überforderung ist nur die ungenügende Parallelverarbeitung vieler Fragen. Ich stellte mich vor den Kasten, winkte hilflos mit der Hand hin und her und sagte: »Ciao Tobias, herzlich willkommen. Ich bin Mike und wenn du willst, dann bring ich dir bei, wie man Schlagzeug spielt.« Dann wollte ich etwas nettes sagen und wendete mich abwechselnd Marcel und Judith zu, die mich anlächelten. »Ist ja echt ein Riesenbaby, ehrlich, gut hingekriegt.« »Hör doch auf, Mike, du weißt doch nicht einmal, was ein Riesenbaby von einem Wurm unterscheidet«, sagte Marcel und lachte und das war gut so. »Nee, schon richtig, aber du hast es mir ja gesagt und ich dachte, ich sollte mal was Nettes sagen.« Die Nachbarin kicherte und die kannte ich nicht. Das änderte sich, als Judith mir ihre Zimmerkolleginnen vorstellte. »Das sind übrigens Ute und Swetlana. Ute hat ihr drittes und Swetlana ihr zweites. Ich bin die Einzige, die das erste Kind bekommt.« Frauenwelten sind unbekannte Welten. Männer haben Verwundetenabzeichen aus dem Krieg oder Jahre der Betriebszugehörigkeit. Musiker haben ein Doppel-Livealbum, Frauen eine Doppelbelastung mit Haushalt und noch irgendwas. Aber dass es bei Frauen eine Frage der Gebärhäufigkeit ist, die darüber entscheidet, ob man ein alter Hase oder ein Neuling ist, lernte ich an diesem Nachmittag und das werde ich nie mehr vergessen. Sollte mir einmal ein Frau begegnen, die ich zufällig irgendwo kennen lerne und die mir sagt, dass sie drei Kinder hat, dann werde ich anerkennend durch eine Zahnlücke pfeifen und sagen: »Oh, Drittgebärende, alle Achtung.«
Ich erfuhr an diesem Tag eine ganze Menge mehr und lernte viel. Am Abend wusste ich zum Beispiel, dass die Handschuhe der Babys nicht wegen der Kälte waren, sondern damit sich die Kinder nicht im Gesicht kratzen und die Haut blutig wird. So viel Autoaggressivität hätte ich Babys eigentlich nicht zugetraut. Welchen Grund sollten sie haben, sich selbst zu hassen? Sich die Nägel abzukauen, sich mit Sucht zu zerstören oder sich mit dem Messer anzuschneiden oder anzuzünden, hatte ich immer für ein Problem von Erwachsenen gehalten, die dafür gute Gründe hatten. Jetzt wusste ich es besser, jetzt wusste ich, dass es früh beginnt, zu früh, dass man sich als Kind wahrscheinlich schon Selbstvorwürfe macht, weil man daran gescheitert ist, einfach im warmen Bauch zu bleiben, anstatt in einem Krankenhaus unter Neonleuchten und unter einem Dach mit Siechen und Verwesenden der Welt ‚guten Morgen’ zu sagen. Das reicht aus, um eine Kinderseele zu zerstören. Was wir genau alles sagten, weiß ich nicht mehr, was ich genau machte, weiß ich nicht mehr. Ich ging nach Hause, köpfte einen Piccolosekt, das hatte ich Judith, Marcel und Tobias versprochen.
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