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In der Sauna Der Sand ist heiß, Einen meiner düstersten Tage hatte ich ungefähr einen Monat später mit Marcel zusammen in einer Sauna. Es war an einem Sonntag und entgegen unserer sonstigen Gewohnheit, unter der Woche in die fast leeren Anlagen zu gehen, hatten wir uns für das Wochenende verabredet. Es fing schon damit an, dass alle großen Kleiderschränke besetzt waren und wir unsere Sachen in einem Fach unterbringen mussten, das eigentlich nur Platz für den Kulturbeutel hergab und nicht mehr. Als wir dann in den Saunabereich kamen, gab es auch keine Liegen mehr, überall lagen Handtücher als Markierung herum, unbekannte Besitzer einer ungenutzten Idylle. Die Saunen waren ebenfalls überfüllt. Das war eigentlich nicht so schlimm. Schlimm war, dass in allen Saunen gleichzeitig unglaublich viele junge und gut aussehende Frauen saßen. Ein überproportionaler Anteil gegenüber den anderen Tagen und gegenüber dem Frauenanteil in den Clubs. Sie gingen also nicht aus, sie saßen zuhauf in Saunen und vertrieben sich die Zeit unter Sonnenbänken. Hier steckten sie, hier waren 70% der 23% großstädtischer weiblicher Singlehaushalte. Sie saunierten, sinnierten, entschlackten, verschlankten, bis sie Kraft für die Abwehr neuer Angriffe gesammelt hatten, die ihnen garantiert bevorstanden, wenn sie ihre glatten oder lockigen Singleköpfe nachts in einen der Tanzläden steckten. Der Anblick von schönen und nackten Frauen war allerdings nicht gerade das, was ich mir unter einem erholsamen Nachmittag vorstellte, ich wurde trübsinnig. Ich sehnte mich nach dicken, stark schwitzenden alten Herren. Sie sollten sich über ihre verschwitzten Bäuche und Gesichter reiben und die verwässert eingesammelten Pfunde mit einer ausladenden Bewegung auf den Boden vor ihren Füßen tropfen lassen. Gespräche über den 1. FC Köln, breite Autoreifen, den Chef, die Steuer, das alles wäre ein Vergnügen gewesen. Vor allem wollte ich ungestört und schwitzend vor mich hinstarren können und meinen Gedanken ungestört freien Lauf lassen. Doch daraus wurde nichts. Es war grenzenlos schwierig, die Beiläufigkeit eines Blickes aufrecht zu halten und nicht wie ein liebeskranker Mann auszusehen, der in die Sauna geht, um attraktive Frauen anzustarren. Es ist dieser kurze Moment, dieser nicht definierte Zeitraum, der den entscheidenden Unterschied ausmacht, der alles offenbart. Und es ist der Hund, der hinter den Pupillen entlang kriecht. Noch unerträglicher war der Anblick, dass viele der Saunenden und Badenden mit ihrem Partner da waren und sich nach dem Tauchbad lachend küssten. Gut aussehende und nackte Paare, die sich küssen; es war anscheinend so eine Art Mutprobe, die ich zu bestehen hatte. Dagegen war das über-die-Autobahn-rennen in Kinderzeiten geradezu eine Kleinigkeit. »Stehst du das hier durch, dann kannst du mit geschlossenen Augen über jeden Highway Nordamerikas laufen, ohne dass dir was passiert, irgendwann machst du sie auf und stehst mitten in Las Vegas«, sagte ich mir leise, gerade so, dass ich es verstehen konnte. Ich schaute mir die Frauen an und wusste, dass ich keine davon kennen lernen würde. Das war das 0:1 in der dritten Minute, vor dem mich kein Trainer beim Einlaufen gewarnt hatte. Da ich keine kennen lernen würde, würde auch keine mit zu mir nach Hause kommen und mich ein wenig aufmuntern oder einfach nur da sein. 0:2. Ich sah, dass die jungen und attraktiven Paare sich küssten. 0:3. Ich musste sogar mit ansehen, dass von den Männern, die auch alleine in der Sauna waren, viele erheblich besser gebaut waren als ich. Sie hatten volles Haar, waren größer, hatten längere Schwänze, waren durchtrainiert, sportlich und schlank. Sie hatten ihren Sixpack am rechten Ort, nicht im Kühlschrank. 0:4. Wahrscheinlich waren sie sogar auch noch spontan, tanzten gerne und gut, waren witzige Unterhalter aber zugleich häuslich, kochten gerne und gut, waren empfindsam und liebevoll - kurzum - es waren Riesen, es war genau die Sorte Männer, von denen die Sie-sucht-Ihn-Rubrik in den Kontaktanzeigen überquoll. 0:5. Ich bin nett, dachte ich. Ich bin intelligent, ich bin lustig und ich bin ein zärtlicher Liebhaber. Drei Ecken - ein Elfer, das war schon seit Kindertagen so. Den Schuss verwandelte ich eiskalt ins linke obere Eck und gab mir in der Summe für die guten Eigenschaften und den guten Schuss einen Punkt. 1:5. Trotzdem war das Spiel bereits verloren, es gab für mich nichts mehr zu gewinnen, eine zweite Halbzeit brauchte ich nicht mehr und einen zweiten Aufguss konnte ich schon gar nicht ertragen. Unter der Dusche sprachen wir kein Wort, ich schaute abwesend vor mich hin und fing mit dem an, was ich immer mache, wenn ich in Badezimmern, Schwimmbädern oder auf Toiletten einen Anfall von Langeweile bekomme. Ich zähle in diagonalen Bahnen die Kacheln. Das geht nie gut, irgendwann verschwimmen die Fugen und man muss wieder von vorne anfangen. So vergeht die Zeit, man ist sauber oder hatte gute Verdauung. Aber alles hat eine Kehrseite, sogar diese Marotte. Es gibt nämlich kein Schwimmbad oder irgendeine Toilette auf der Welt, von der ich die genaue Anzahl der Kacheln kenne.
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