Musikerklappe

 Die Musikerklappe

© Fischmord

Meine Damen und Herren, wie immer zu Beginn des Abends darf ich Ihnen meinen Studiogast vorstellen und, wie schon häufiger, ist mein heutiger Studiogast »Mister 100.000 Ideen«, Herr Fischmord, ein wahrer Tausendfüßler beim Seiltanz zwischen Irrsinn und Leichtsinn. Meine Damen und Herren, ich werde mit Herrn Fischmord heute über sein neuestes Projekt sprechen. Was es damit auf sich hat, wird er uns heute erklären. Guten Abend, Herr Fischmord und ein herzliches Willkommen.

 Ihnen auch Herr Reusch. Ihnen auch und herzlich. Und: Danke für die freundliche Einladung.

 Herr Fischmord. Ich bin schon ganz gespannt auf dieses Gespräch, denn als ich in der Pressemitteilung zu Ihrem Projekt las, dass Sie eine Aufzuchtstation für Musiker gegründet haben, da dachte ich sofort, nun, dachte ich, das könne interessant sein. Eine Aufzuchtstation für Musiker. Was ist das und was verbirgt sich für ein soziales Engagement hinter dieser Idee?

 Nun Herr Reusch, wie Sie vielleicht mitbekommen haben können, also Sie jetzt im Speziellen weiß ich nicht genau… aber es ist in der neuen Generation, die die den Musikgeschmack noch einmal wechselt, also kurz, die Generation nach Ihnen, also in dieser Generation sind Musiker eine vom Aussterben bedrohte Künstlerart. Kaum noch einer der zwischen 10- und 16-jährigen paarungswilligen männlichen Jugendlichen lernt Elektrogitarre, um Weibchen zu locken. Sie kaufen Synthesizer, komponieren mit Apple Garage Band und so was. Die handgemachten Musiker sterben aus. Und da dachte ich, dass es gut wäre, wenn man welche aufziehen könnte, um sie später wieder auszuwildern.

 Sie meinen so wie Eisbären oder Seehunde. So was meinen Sie doch mit »Aufzuchtstation«?

 Ja natürlich, aber Eisbären waren mir zu oft in den Medien. Seehunde stinken nach Fisch... Musiker anders. Sie aufziehen – das ist fein, das ist insgesamt eine saubere Angelegenheit.

 Aber Herr Fischmord, wie rekrutieren Sie denn die Musiker? Ich meine, das eine ist ja, ihnen Notenblätter und Drogen in den Käfig zu legen, aber das andere ist doch, sie zu züchten. Dafür brauchen Sie ja Weibchen.

 Nein, ich habe ja keine Zuchtstation, sondern eine Aufzuchtstation. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Ich brauche keine Weibchen, keine Sternchen. Ich habe eine soziale Unternehmung und keinen dieser zwielichtigen Swingerclubs. Die Zeit des Jazz ist ja auch endgültig vorbei.

 Nun, Herr Fischmord, das sind sicherlich interessante Gedanken und Informationen, aber ich habe noch meine Zweifel an der Unternehmung und meine Frage ist auch noch nicht wirklich beantwortet.

 Ja, dann stellen Sie doch Ihre Fragen so, dass meine Antworten passen.

 Aber Sie antworten doch erst nach meiner Frage.

 Dann fragen Sie eben früher.

 Geht nicht.

 Was geht nicht? Geht nicht? Geht nicht, gibt’s nicht. Wenn ich Ihre Einstellung hätte, Herr Reusch, dann hätte ich noch nicht einmal mehr den Grundstein für meine Aufzuchtstation gelegt, glauben Sie mir.

 Nun, Herr Fischmord, ich möchte Sie noch einmal fragen: Wie gelangen die Musiker zu Ihnen, wenn Sie sie nicht züchten?

 Oh. Sie glauben ja gar nicht, wie die Leute heutzutage sind. Manche Musiker werden abgegeben, kurz nach einer Tournee, weil niemand mehr Verwendung für sie hat. Im Herbst, da ist es ganz schlimm. Da werden viele, viele Musiker einfach an Autobahnraststätten ausgesetzt – mit nichts an außer ihrem Glitzerhemd. Und das ist nicht selten durchgeschwitzt. Furchtbare Anblicke, glauben Sie mir, das sind ganz furchtbare Anblicke. Sie kommen bei mir an, sind zerzaust, die Haare ganz strubbelig und nicht selten haben sie seit Stunden nichts gegessen. Schlimm. Ganz, ganz schlimm.

Furchtbar, wirklich! Sehen Sie denn, dass sich die Lage wieder bessert? Werden in Zukunft Musiker wieder eine Chance haben? Zum Beispiel, wenn Sie sie wieder aufgepäppelt und zurück in die Backstageräume der Clubs in der Republik gebracht
haben.

 Leider nein. Leider, leider sehe ich keine Besserung. Im Gegenteil. Ich habe dieses Jahr erstmalig eine Musikerklappe an meiner Einrichtung anbringen müssen. Da können dann Bands anonym ihre ungewünschten Sänger oder unbegabten Schlagzeuger reinlegen. Sobald einer drinnen liegt, klingelt ein Jingle.

 Herr Fischmord, das ist ja ein sehr lobenswertes Engagement für unser aller Gemeinwohl und ich denke, dass es Schule machen könnte. Vielleicht wird es zukünftig in mehr Städten eine Musikerklappe geben. So werden ja auch die Proberäume wieder aufgeräumter und übersichtlicher, wenn all die kaputten Typen erst mal bei Ihnen verklappt sind. Das, so kann man jedenfalls hoffen, wäre doch ein schönes Ergebnis der Bemühungen.

Hier, meine Damen und Herren, geht es jetzt mit irgendetwas weiter. Es geht ja schließlich immer irgendwie weiter. Ich jedenfalls danke Ihnen für das heutige Zuhören!