Raucherinterview

Interview mit einem Raucher

»Meine Damen und Herren, wir sind froh, in der heutigen Radiosendung ‚Ohne Sucht nur Flucht’ einen der bekanntesten Raucher begrüßen zu können. Liebe Hörerinnen und Hörer daheim, bei mir ist Ismael Fischmord, Raucher der frühen Stunde und vor allem bekannt geworden mit seinen Rauchhappenings auf der Documenta in Kassel. Herr Fischmord, wie sind Sie eigentlich zum Rauchen gekommen?«

»Nun, ganz genau kann ich das nicht mehr sagen, aber mich hat das Thema von frühester Kindheit an interessiert und begeistert. Ich war jung und brauchte kein Geld, hatte aber welches und so habe ich mir mit… – ich glaube ich war vier – die erste Stange gekauft und an zwei aufeinander folgenden Tagen weggeraucht.«

»Sie haben mit vier Jahren eine Stange Zigaretten weggeraucht? Das ist wirklich beachtlich.«

»Nun, Sie wissen ja, wie Kinder sind. Wenn man ihnen eine Tüte Gummibärchen vorlegt, dann essen sie sie auf und so war es halt bei mir mit meiner ersten Stange Zigaretten.«

»Herr Fischmord. Sie sind ja erst verhältnismäßig spät zum Konzeptraucher geworden und haben hier doch einige Erfolge feiern können. Ihre Nebelwand, beispielsweise, sorgte auf der Art Cologne für Aufsehen und hat Ihnen den großen Preis der Jury eingebracht. Die Nebelwand war, für die Zuhörerinnen und Zuhörer, die Sie nicht kennen, eine Doppelplexiglaswand, deren Hohlraum vom Künstler selbst im Rahmen eines ‚Smoke-ins’ vollgequalmt wurde. Sie steht heute im Museum of Modern Art in Braunschweig und gilt als Meilenstein der Rauchkunst. Herr Fischmord, Sie haben in zahlreichen Schriften den Begriff des ‚Intentionalen Rauchens’ begründet und ein geschlossenes theoretisches Fundament vorgelegt. Können Sie uns in Kürze sagen, um was es beim intentionalen Rauchen geht?«

»Nun, das kann man natürlich nicht bei einer Zigarettenlänge umfassend vorstellen. In den Grundzügen geht es aber darum, das Gelegenheitsrauchen oder aber das Entlastungsrauchen zunehmend als naive Vorstufe des eigentlichen, des intentionalen Rauchens zu begreifen. Intentionales Rauchen geschieht nicht assoziativ oder nebenbei. Das Rauchen wird geplant, in einen größeren gesellschaftskritischen Rahmen eingebettet und dann wird im Kollektiv voll durchgezogen. Beispielsweise haben wir mit 4.000 Rauchern vor Magdeburg eine Rauchschwade auf der Autobahn erzeugt und so auf die Sinnlosigkeit von Rußpartikelfiltern bei Autos aufmerksam gemacht. Oder unsere Aktion in New York. Wir haben die Freiheitsstatue völlig eingenebelt und die Frage gestellt, was an Demokratie in diesem Land noch sichtbar ist. Das sind Beispiele für intentionales Rauchen. Mittlerweile gibt es eine Künstlergruppe in Frankreich, die sich Ernte 23nennt und ähnliche Aktionen durchführt. Intentionales Rauchen ist zu einer revolutionären Künstlerbewegung geworden.«

»Um was geht es Ihnen dabei? Was sind die wesentlichen Dinge, die Sie mit Ihren Aktionen verändern wollen? Auf was möchten Sie aufmerksam machen?«

»Och, so genau steht es noch nicht fest und die Ziele sind eigentlich in der konkreten Aktion zu sehen und verändern sich. Bei unserem parallelen Smoke-inauf 200 deutschen Schulklos haben wir beispielsweise Rauchen als Schulfach ab der Mittelstufe eingefordert. Mit der Mehr-Teer-Aktion in Bitterfeld war verbunden, sich gegen den Abriss der schönen Schlote der alten Fabriken zu wenden. Sie sehen, dass wir uns vielfältig bewegen und unsere Aktionen vor allem einen politischen Hintergrund haben.«

»Herr Fischmord, das sind beeindruckende Beispiele für den Kampfeswillen und die Kreativität der Raucher und ich denke, dass Sie unter den Zuhörerinnen und Zuhörer auf ein breites Verständnis stoßen. Abschließend noch eine Frage, die sich sicherlich viele unserer Zuhörer zuhause stellen: Was planen Sie, um sich gegen des Vorstoß des Dachverbandes der Gastronomen zur Wehr zu setzen, der vorsieht, nur noch wenige Raucherbereiche einzurichten und teilweise komplett auf das Rauchen in Kneipen zu verzichten. Gibt es Aktionen von Ihrer Gruppe.«

»Ja, die wird es in jedem Falle geben und ich betone, es wird sie geben müssen, denn wir lassen uns nicht auf die Hinterbänke schmuddeliger Bahnhofkinos abdrängen. Aber hier ist nicht nur Kampfeswillen, sondern auch Erfindungsgeist gefordert. Wir haben eine Kooperation mit der NASA beschlossen, die für uns ein geschlossenes Helmsystem entwickeln wird, wie es Astronauten verwenden. Unter diesem Helm kann man rauchen und die Luft wird über einen Filter sofort wieder gereinigt und unter den Helm zurückgeführt. Das wird sich in Kneipen sicherlich durchsetzen und bald zum gewohnten Anblick werden.«

»Kann man sich denn unter diesem Helm unterhalten?«

»Na ja sicherlich, aber nur über Funk. Das reicht aber den meisten Menschen, wenn man bedenkt, wie viele Leute in Kneipen sitzen und eigentlich nur mit ihrem Handy telefonieren. Hier muss man Prioritäten setzen und wir denken: Inhalieren geht vor Diskutieren.«

»Herr Fischmord, ich danke Ihnen für dieses Gespräch und ich darf mich auch im Namen all der Raucherinnen und Raucher draußen an den Radios bedanken, denen Sie sicherlich Mut gemacht haben. Wir gehen also blauen Zeiten entgegen. Das liebe Hörerinnen und Hörer war unsere heutige Sendung ‚Ohne Sucht nur Flucht’ mit dem Studiogast Ismael Fischmord. Schalten sie auch das nächste Mal ein, wenn unser Thema lautet: ‚Kohlesubventionen stoppen, Koksanbau ausbauen’. Unser Gast in der Sendung wird Michel Friedmann sein.«