Revolution

Als ich eine Revolution anzustiften trachtete

Es fing beinahe harmlos an. Schnee und ich hatten an der Uni in München Flugblätter gegen die Naziregierung gedruckt und unter das illustre Volk gestreut. Wir hatten ein Erkennungszeichen, wir trugen weiße Hosen, damit wir uns nicht aus den Augen verloren. Das mit den Flugblättern klingt harmlos, war aber ganz schön gefährlich. Dafür sind andere schon hingerichtet worden. Wir wollten alles und riskierten viel.

Schnee und ich waren jung und mutig und wir waren gut im Austeilen. Alle Blätter waren flink unters Volk verteilt und wir verschwanden wieder im Untergrund, also in einem Café neben der Uni, das so hieß. Irgendein Student kam ein paar Tage später auf uns zu und meinte, das Flugblatt sei prinzipiell gut, schön gestaltet, cooler Text und so. Wir hätten nur einen Fehler gemacht. Es stimme nicht, dass wir eine Naziregierung hätten. Helmut Schmidt sei an der Macht. Der sei Raucher, nicht Nazi.

Schnee und ich studierten beide nicht Politologie – woher hätten wir das wissen sollen? Wir waren politisch aktiv, nicht politisch interessiert oder so. Wir hatten einfach keine Zeit, um Zeitung zu lesen, wir trafen uns lieber und schrieben Manifeste oder besuchten Feste.

Schnee meinte damals, wir sollten uns das nicht zu Herzen nehmen und das Flugblatt in jedem Falle aufheben, nur für den Fall, dass wir nochmal eine Naziregierung bekommen würden. Für’s erste aber fügten wir Korrekturen ein. Wir strichen »Nazi« durch, schrieben »Schmidt« darüber und verteilten das gleiche Flugblatt noch einmal, aber zu dem Boykott, zu dem wir aufgerufen hatten, kam keiner. Besser gesagt kamen alle, aber sie gingen an uns vorbei und rein in die Vorlesung. Ist nicht einfach, einen Aufstand anzuzetteln, wenn alle fleißig sind und Spitzenjobs haben wollen. Aber wir waren Revolutionäre, wir brauchten den Widerstand, um zur Höchstform aufzulaufen.

Schnee hieß natürlich nicht Schnee, also nicht wirklich, aber es war der Name, den er sich für unsere Revolution ausgedacht hatte. Er meinte, jeder Anführer bräuchte einen guten Namen: Das sei wichtig. Noch wichtiger als ein Programm oder ein Konzept. Zuerst ein Name! Sonst folgen sie dir nicht, weil sie gar nicht wissen, wem sie folgen sollen, sagte Schnee. Mein Gott, waren wir damals durcheinander, der Schnee und ich.

Ich nannte mich Al Pacino. Das war der Name eines kubanischen Revolutionsführers, glaube ich, und er klang gleichermaßen mysteriös wie gefährlich. Später hat sich irgend so ein Schauspieler nach mir benannt, hat man mir erzählt. Is wurscht, isma egal. Kann er haben, meinen Revolutionsnamen.

 

Schnee und ich haben das mit der Revolution nicht durchgezogen. Hätte er wissen müssen, als Physikstudent. Trägheit der Masse. Das ist eine Gesetzmäßigkeit, aus der niemand rauskommt. Wir auch nicht. Von der Tragweite unserer Revolution irgendwann nicht mehr gänzlich überzeugt, gaben wir auf und ich nahm irgend so einen Spitzenjob an, kaufte mir ein Haus, ein Boot, eine Ranch und eine Frau.

 

Was aus Schnee geworden ist, weiß ich nicht so genau. Ich habe ihn nach den Wirren der Jahre aus den Augäpfeln verloren.