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© Fischmord »Es hätte anders laufen können, es hätte alles anders laufen können«, dachte Leitner, aber das Fallbeil des Zufalls hatte ihm den Arm abgeschnitten, mit dem er sich seine Richtung angezeigt hatte. Jetzt, da Leitner streng auf eine Mitleid-Crisis zusteuerte, saß er im Garten eines prunkvollen Hauses und überlegte, wie er so weit entfernt kommen konnte. Quatsch! Er überlegte, wie er so weit entfernt zurecht kommen konnte. Auch nicht! Er strich die Überlegung. »Nein«, sagte sich Leitner, »ich überlege mir gerade, wie es soweit kommen konnte und wieso ich Lichtjahre entfernt von zu Hause gelandet bin«. Ja, das war es, was er sich überlegen wollte. Leitner dachte nach und danach dachte er auch noch weiter nach. Er hatte es in der Hand gehabt – fast oder fest. Das ganze eigene Leben. Damals, als er noch dachte, dass alles zu kontrollieren sei. Er hatte einen Profivertrag bei einem NBA Basketball-Team angeboten bekommen und war beim Probetraining gewesen. Doch dann, beim medizinischen Check, fiel beim Messen und Wiegen auf, dass er viel zu klein für einen Basketballspieler war. Man schlug ihm stattdessen vor, zu den Bodenturnern zu wechseln, aber in diese Abteilung wollte er nicht. »Nur nicht Skispringen oder Bodenturnen«, das war schon immer seine Devise gewesen. »Alles nur Luftzirkus«, so war seine Meinung darüber. Und als rhythmischer Sportgymnast wollte er nicht enden. Er war ja zur Realschule gegangen. So hatte Leitner seine Zeit als bezahlter Profisportler bereits hinter sich, bevor sie begonnen und er auch nur einen einzigen Cent verdient hatte. Wie viele andere Spitzensportler, außer Lothar Matthäus, erkannte er plötzlich (und sah es sogar ein), dass er nichts anderes konnte als das, was er nun nie machen würde. Er hatte nie etwas gelernt, selbst das nicht, was er nun nicht machen würde... Das war nicht gerade viel. Leitner schlief eine ganze Nacht darüber und wurde noch am frühen Vogel des nächsten Tages Schriftsteller und Grafiker. Er probierte sich eine Zeit lang als »kritischer Geist« und publizierte einige kleine selbst gemalte Kohlegruben-Zeichnungen, die liebevoll seine politischen Gedichte über das Saarland illustrierten. Um sie zu veröffentlichen, ging er Wege fernab des etablierten Literaturbetriebs und hing seine Werke einfach, mit je vier Reißzwecken an den Ecken befestigt, an den Anschlagwänden der benachbarten Supermärkte auf. Das wirkte für viele Einkaufende verstörend, denn neben einer Kleinanzeige für einen ausrangierten Kinderwunsch oder dem Angebot, bei einer ehemaligen Lehrerin Englisch zu verlernen, hingen dort nun Leitners politische Gedichte und Zeichnungen über das Saarland. Zum Beispiel sein geografisch völlig falsches Gedicht: »Unter dem Harz« »Die Kernkraft gestärkte Natur zieht sich zurück in die Siedlungen, wo sie in Vorgärten, die bis zum Denkhorizont reichen, eingefangen wird. Gevierteilt stehen quadratische Blumen-Garden und werden am Ende der Vorstellungswelt von Zwergen und Rehen beschützt. Nur im Untergrund wühlt sich das Leben durch die Erde und wirft sich in Hügeln aus Gruben heraus gegen das gleißende Licht. Von Blindheit geschlagen liegt die Menschheit in stählernen Liegestühlen daneben und übt sich in Sangria.« Das war nicht schlecht und für Supermarkt-Lyrik von beachtlicher Qualität, wenn man bedenkt, dass es das Genre der »Supermarkt-Lyrik« vor Leitner gar nicht gab. Leitner schickte seine Gedichte auch an Schülerzeitungen, an die »Prisma« und die »Apothekenrundschau«, aber niemand zeigte Interesse, sie zu veröffentlichen. Nur ein kleiner kritischer Verlag aus Frankfurt bot ihm einen lebenslangen Vertrag an, doch Leitner wollte nicht auf Buchmessen verheizt und als neuer deutscher Vorzeigeintellektueller in Fernsehstudios herumgereicht werden. Irgendwann aber merkte Leitner, dass es so nicht weitergehen konnte. Er hatte seit Monaten kein Geld mehr verdient und nur vom Aufhängen der Zettel in den Supermärkten alleine konnte er seinen gewohnten Lebensstandard nicht halten. Aber Leitner wäre nicht Leitner gewesen, wenn ihm nicht eingefallen wäre, wie das Leben ihn weiter bestreiten konnte und so inserierte er sich selbst in einem Heiratskatalog, weil er wusste, dass man sich in vielen Ländern der Welt gerne mit etwas Europäischem schmückt oder aber mit Kolonialstilmöbeln seine Wohnungen ausstattet. Am liebsten aber mit beidem zugleich und so bot er sich gemeinsam mit seiner kunstvoll verzierten Schrankvitrine aus Tropenholz als geduldige, fleißige und anschmiegsame Haushaltshilfe für ferne Länder an. Gerne auch hätte er sich dabei Tag und Nacht von einem Fernsehteam eines Privatsenders beim Einschlafen, Anziehen und Auswandern filmen lassen. Er erhielt auf sein Inserat ernst gemeinte Angebote und konnte so von der Agentur erfolgreich vermittelt werden. Nun war er also hier, im Garten eines prunkvollen Hauses inmitten eines Landes, das er vorher für eine spezielle Art der Speisenzubereitung gehalten hatte. »Indonesisch«, so hatte es immer geheißen, wenn man ihm ein zu Tode paniertes Schnitzel auf den Teller gelegt hatte, es mit reichlich Curry übergossen und mit einer zerdrückten Banane garniert hatte. Nun aber befand er sich hier, mitten in Indonesien, im Hause einer reichen Witwe, die sich Luxusgüter wie ihn leisten konnte. Natürlich verstand er kein Wort, wenn er mit seiner Witwe, die er regelmäßig belieben musste, über die Märkte ging und von ihr in Boutiquen ausstaffiert wurde wie ein kleines Hündchen, während sie sich mit Freundinnen unterhielt. »Aber«, so dachte Leitner, »beklag dich nicht, das Leben ist nun mal so. So wie dir geht es vielen vermittelten Menschen auf der Welt.« Und in der Tat geht es vielen vermittelten Menschen auf der Welt wie ihm. Menschen, über die sich »Amnesty und Ibory« niemals Gedanken machen. Menschen, für die es kein Live-Eight-Konzert oder ein After-Eight-Konfekt geben wird. Menschen, für die »Mandela« nur der ferne Klang eines neuen Brotaufstrichs bleibt. Kein Lied ertönt für sie, für die vielen Katalog-Europäer, die vermittelt werden, weil sie billig zu haben sind. Franzosen aus den Banlieus, Italiener von Juventus Turin oder Deutsche aus ganz Deutschland. Reste, Singles, Rentner, ehemalige Spitzensportler. Alle nur noch Verbrauchsgüter, bloße Waren auf dem Fließband des Vergnügens. »Am Ende«, so dachte Leitner, »am Ende führst du ein Leben, das du dir so nie hast vorstellen können, weil du immer bei wem anders kommst als du denkst.«
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