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I Wortklauberei am Bahnschalter
© Fischmord
Die Bahn ist lustig. Man lacht gerne über die Bahn, auch ohne Streik und Achsenschaden. Aber was um Himmels Willen soll an der Bahn lustig sein, fragt der Zuhörer? Prinzipiell natürlich nichts! Jedoch, man kann sich selbst die eine oder andere lustige Situation konstruieren, wenn man nachmittags Langeweile hat und sich überlegt, wo man hinfahren könnte, um andere Menschen in ein hübsches Wortgefecht zu verwickeln.
Neulich hatte ich wieder Langeweile, ging an der Nord-Süd-Fahrt entlang spazieren, zog hinkend mein linkes Bein hinter mir her, während ich an jeder sich mir bietenden Ampel die Straße überquerte. Es dauert wesentlich länger, mit einem hinkenden Bein die Fahrbahn zu überqueren und die Autofahrer verpassten so schnell eine komplette Grünphase. Es war Rushhour und die Fahrer wirkten in ihren vierzig Grad heißen Autos recht unentspannt und zunehmend ungeduldig. Aber niemand hupt und keiner überfährt einen Behinderten, so dass man im Schutze des hinkenden Beins für ein wenig Verkehrschaos sorgen kann. Sonst habe ich an diesem anarchischen Spiel immer Freude, aber an diesem Tage blieb sie erstaunlicherweise aus. Also musste ich mir etwas anderes ausdenken, um dem Tag so etwas wie Sinn zu verleihen. Hin und her überlegte ich, liebäugelte damit, mich auf einen Bollerwagen zu setzen, meine Beine nach hinten zu schlagen, eine Decke darüber zu legen und dann noch langsamer die Fahrbahn zu überqueren. Rol-lend hätte ich den Verkehr locker für zwei Grünphasen stoppen können. Aber Kriegsveteranen sind in Deutschland in aller Regel nicht Mitte dreißig, es hätte ein wenig gekünstelt gewirkt. Ich verwarf die Idee! Eine andere Behinderung musste her und so entschloß ich mich, mir für den Rest des Tages eine germanistische Wunschbehinderung anzueignen. Aber wen kann man damit ärgern, fragte ich mich und plötzlich fiel mir ein – natürlich… einen Schalterbeamten der Bahn.
Ich hob meine Gehbehinderung zum Erstaunen der Autofahrer urplötzlich auf und ging eiligen Schrittes in Richtung Hauptbahnhof. Dort suchte ich mir eine Schlange, von der ich ausging, dass sie im Laufe der Warterei wohl noch größer werden würde. Und in der Tat - sie wurde, während ich wartete, immer größer. Erst standen fünf, dann zehn Menschen hinter mir. Dann wurde die Schlange so lang, dass sie aus dem Raum des Fahrgastzentrums herausführte und zuletzt konnte ich noch einige Rucksacktouristen außerhalb des Bahnhofs auf der Domplatte erblicken, die sich am Seitenportal in die Schlange stellten. »Na dann habe ich ja ausreichend Zeit, um den Schalterbeamten ein wenig zu entnerven«, dachte ich und baute meinen erstaunlichen Körper vor ihm auf. Der anschließende Dialog lief in etwa wie folgt ab und sollte mein Gesellenstück im Bereich der germanistischen Wunschbehinderung werden.
»Sie wünschen?«
»Was soll das heißen – Sie wünschen? Wieso soll ich Ihnen erzählen, was ich mir wünsche? Sie sind doch weder kompetent noch befugt, meine Wünsche zu erfüllen. Und überhaupt - was würden Sie denn darauf antworten, wenn ich Ihnen jetzt einige Schweinereien an den Kopf werfen würde oder Ihnen meine sexuellen Präferenzen präsentierte? Sie sollten mich also nicht fragen, was ich mir wünsche. Sie sollten mich vielmehr fragen, ob ich aus der Angebotspalette Ihres Unternehmens etwas erwerben möchte und ob ich diesbezüglich Beratung oder Unterstützung bei der Aushändigung benötige.«
Ich fand dies einen angemessenen Auftakt für eine germanistisch korrekte Kundenbetreuung mit Lernpotenzial für den Schalterbeamten. Auf das etwas entgeisterte Gesicht und ein lang gezogenes »Äh«, folgte dann stammelnd:
»… also, wünschen Sie aus der Angebotspalette unseres Unternehmens etwas zu erwerben?«
»Ja, werter Herr, deswegen habe ich mich ja in diese immer größer werdende Schlange eingereiht – na also, geht doch.«
»Würden Sie mir auch sagen, was Sie daraus wünschen?«
Er war erstaunlich lernfähig und eine gewisse Grundbildung konnte ihm keinesfalls abgesprochen werden.
»Ja. Ich hätte gerne eine dieser fotografiebestückten Plastikkarten zur reduzierten Bahnmitfahrerei.«
»Sie meinen eine Bahncard?«
»Sie mögen es so nennen. Aber korrekt ist das sicherlich nicht. Unter einer ‚Bahncard’ würde ich zunächst eine Schienennetzkarte im Faltformat von Falk verstehen, auf der alle Wege eingezeichnet sind, die man mit der Bahn zurücklegen kann. Es wäre aber auch denkbar, dass eine ‚Bahncard’ eine Postkarte mit der Abbildung einer Bahn ist. Zu guter Letzt muss man bedenken, dass es sich ausgesprochen bei ‚Card’ nicht unterscheiden lässt, ob es sich nicht um ein ‚Kart’ handelt - also ein motorbetriebenes Kleinstgefährt, mit dem man in Hallen seine automobiliaren Fähigkeiten im Rennbereich erproben kann. Ein ‚Bahnkart’ wäre in diesem Falle also ein Spaßgerät. Ich bin aber nicht hier, um Spaßgeräte zu erwerben, sondern um eine ernsthafte Investition zu betreiben.«
Ein souveränes Zwei-zu-Null, wie ich fand. Keinerlei Gegenwehr, die Mauer meilenweit weg von meinem Zungenstoß.
»Und was meinen Sie mit Bahnmitfahrerei?«
»Nun, es ist einfach nicht richtig, wenn Sie behaupten, ich sei Bahnfahrer, auch wenn mich Ihre Kollegen in den Zügen so betiteln. Ein Bahnfahrer ist der, der die Bahn lenkt, fortbewegt, also fährt. Im Auto benennt man Mitreisende auf Vordersitzen deswegen ja Beifahrer. Der Autofahrer ist der, der selbst fährt. Hier wird deutlich unterschieden zwischen Fahrer und Beifahrer. Bei einer Bahnfahrt bin ich jedoch nicht Bahnfahrer und auch kein Bahnbeifahrer, denn ich sitze ja nicht vorne neben dem Lokführer oder bin sogar selbst Lokführer, sondern ich nehme in einem der behaglichen Großraumwagen Platz. Folgerichtig bin ich im eigentlichen Sinne ein Bahnmitfahrer. Und genau dafür würde ich gerne eine dieser fotografiebestückten Plastikkarten erwerben, die mich dauerhaft preisreduziert mitfahren lassen. Und bitte erzählen Sie mir jetzt nichts vom Bahnkomfortkunden, wenn ich genug Punkte sammle. Da reagiere ich aber ganz allergisch drauf. Es kommt vor, dass ich mit der Bahn mitfahre, und Bahnmitfahren erscheint manchmal sogar komfortabel. Aber generalisieren lässt es sich nicht! Setzen Sie sich einmal in einen Regionalzug nach Königswinter, dann wissen Sie genau, dass einen das Aushändigen eines Ausweises keinesfalls zu einem Bahnkomfortkunden macht! Das ist Bahnmitfahren ohne Komfort, und der Ausweis führt in die Irre. Darüber hinaus hätte ich aus Ihrer Palette auch gerne einen Mitfahrerlaubnisschein von Köln nach Berlin. Und natürlich einen Zurückreiseschein.«
»Sie meinen eine Rückfahrkarte?«
»Nein, ich brauche keine Rückfahrkarte. ‚Rückfahren’ gibt es in der deutschen Sprache gar nicht. Man kann rückwärts fahren. Aber wollen wir mal ehrlich sein - wir sind doch hier nicht auf dem Rummelplatz?! Ich will auf keinen Fall rückwärts fahren, davon wird mir übel. Ich will von Berlin zurück nach Köln reisen. Dafür brauche ich einen Zurückreiseschein.«
Ich hatte ihn in der Tasche, keine Frage. Ein verbaler Zungenhattrick führte mich zum Drei-zu-Null, wie mir schien. Ich freute mich schon darüber, wie lustig die Bahn war und wie viel Spaß man mit der Bahn haben kann. Ich drehte mich siegesgewiss um, die Schlange war mittlerweile schätzungsweise beim Neumarkt angelangt, und ich dachte den Schalterbeamten schon restlos entnervt zu haben, aber plötzlich blickte er mich freudestrahlend an, lächelte, und reichte mir die Hand.
»Sagen Sie mal, kommen Sie aus Ostberlin, aus der ehemaligen DDR?«
»Wie kommen Sie denn darauf?«
»Na ja, so die ganze Art, wie Sie sich ausdrücken und diese vielen umständlichen Formulierungen. Die erinnern mich an früher, als ich noch ‚koffeinhaltige Erfrischungs-getränke’ und ‚feinperlig sprudelnde Drehflaschenweine’ erfunden habe. ‚Fotografiebestückte Plastikkarte’, ‚Zurückreiseschein’, das hätte von mir sein können.«
»Von Ihnen, wieso von Ihnen?«
»Nun, ich war im Landeskollektiv für infiltrationsfreie Spracherhaltung tätig.«
»Scheiße«, dachte ich, »so lustig ist das hier doch nicht. Wenn der gleich anfängt, dann kannst du dir dein Gesellenstück von der Backe putzen, vor dir sitzt ein Meister.«
Ich entschuldigte mich bei ihm, erklärte ihm, das alles sei wohl ein großes Missverständnis und humpelte, ein linkes Bein hinter mir herziehend, wieder in Richtung Nord-Süd-Fahrt zurück. Vorher kaufte ich mir in einem Sportgeschäft Kugellager, ich wollte den Tag schließlich nicht total verdorben hinter mir lassen.
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